Killt A.I. die Kreation?

20/01/23: Das Thema spaltet die Kreativszene wie nix zweites. Steht die Kreativbranche am Abgrund, werden die Kreativen durch Künstliche Intelligenzen alle abgelöst und obsolet? Mit der derzeit laufenden Diskussion beschäftigen wir uns.

Artificial Intelligence, kurz A.I., kann alles, das am besten und am laufenden Band produzieren: super schick, vielfältig, voller Details und mit unbegrenzten Möglichkeiten. Ein paar Ansagen, ein, zwei, drei Mausklicks und schon sei die neue Bilder-, Text- oder Irgendwas-Welt fertig? Und dafür geht eine große Angst unter Kreativen um: Wird uns diese neue, wundersame Technologie ganz oder mindestens teilweise ersetzen? Wo bleiben die Künstler, Handwerker, Kreativen als Schöpfer und Gestalter, wenn die Maschine alles kann und möglich macht? Und was macht das mit der Kommunikationsbranche insgesamt? Was bedeutet dies für Kommunikation als Profession, als Aufgabe und Funktion, wenn ein Programm im Prinzip alles selbst erstellen kann?

Was A.I. in der Illustration alles kann: Viel!

In einem Bereich wird dies gerade besonders intensiv diskutiert: den Illustrator- und Zeichner:innen. Denn so stellt sich die Situation für viele von ihnen dar: A.I. kann alles das, was viele von ihnen auch anbieten, nämlich Bilder gestalten, mit fantastischen Motiven jeglicher Art und Idee, in beliebigem Stil, mit Figuren, Situationen, Objekten, allem, was sich ihre Kunden wünschen mögen. Nur eben: auch schneller, viel mehr und vor allem: billiger. Das bereitet Angst, vor dem Verlust an Aufträgen, an Interesse, an Arbeit und an Einkommen - A.I. erscheint existenzbedrohend für Illustrator:innen, auf jeden Fall für viele. Die Lage ist also erstmal sehr ernst.

A.I. baut dir die Bilderwelt, so wie sie gefällt

So funktioniert´s: Bilder werden aus Texteingaben auf Basis vorhandener Daten und einer Flut gecrawlter Bilder generiert. Gib in einen A.I.-Generator Begriffe ein und das System generiert daraus die Bilder. Hier gibt´s eine gut erklärte Zusammenfassung der Illustratorin Sandra Süß, wie eine solche Bilder-A.I. funktioniert: https://sandra-suesser.de/ki-kunst-probleme 

  1. Die A.I. sammelt Daten, Bilder. Sie crawlt das Internet, sucht und sammelt alles an Bildern sowie die damit verbundenen Tags und Meta-Informationen.
  2. DIe A.I.  sortiert und lernt. Bis hier waren Bilder einfach nur Pixel. Jetzt stellt sie anhand der Informationen Beziehungen her, um die Motive zu unterscheiden und zu ordnen, immer mehr, wieder und weiter.
  3. Die A.I. bildet multidimensionale Räume, aus Begriffen, Texten und Bildern. Hier lassen sich alle Begriffe, Objekte und Bilder als Teile, als Konzepte im Raum positionieren und einordnen. Damit schafft sie eine Basis, um aus Begriffen neue Konzepte und damit Bilder zu erstellen. 
  4. Die A.I. generiert die Bilder anhand eingegebener Begriffe und ebenso spezifischer Bilder, der sogenannten "Prompts". Man gibt seine Begriffe in Kombinationen und die A.I. schafft daraus die Bilder anhand ihrer zuvor erstellten Basis.
  5. Die A.I. lernt von dir dazu. Und dabei wird sie immer genauer und besser.

Das klingt recht einfach. Du willst das Bild eines Raumes, die Szene, den Ort mit Objekten anders gestalten? Kein Problem. Du möchtest deine Akteure nach berühmten Vorbildern aussehen lassen? Einen kleinen Moment, bitte. Durch Integration von Zufallsfaktoren sind die Bilder nie ganz gleich. Sondern sie enthalten immer ein neues und überraschendes Element, welches besonders jetzt, in der Anfangsphase dieser Technologie, sie erstmal faszinierend wirken lassen: mit vielen Details, in allen möglichen Macharten und Stilen von hyperrealistisch, wofür manch´ Illustrator:in Stunden oder Tage benötigen würde, bis zu Bildern im Stile berühmter Vorbilder.

A.I. in Illustration: Are the good times over and gone?

A.I. in allen Medien und Kreativbereichen

Ähnlich funktionieren A.I.s auch in anderen Bereichen der Kreativindustrie und werden dort seit langem eingesetzt. Einige Beispiele.

  • Suchmaschinenoptimierung: Hier werden Texte in großer Menge benötigt, damit eine Website gut gefunden werden kann. Nicht schön, noch nicht mal gut lesbar müssen sie sein. Hauptsache die richtigen Keywords, also Begriffe, sind enthalten, dann wird´s der Suchmaschine schon genügen. DAs heißt: Millionen Suchmaschinentexter:innen werden überflüssig, denn das, was sie schreiben, kann A.I. auch, nicht schlechter.
  • Logokreation und -gestaltung: bereits seit längerem bietet eine Website günstig und deutlich unter üblichen Preisen die Gestaltung von Logos an. Keine langen Briefings und Erklärungen: "Wer bin ich und was will ich eigentlich hier" als Unternehmen, sondern quick & clean ein vermeintlich cooles Text-Bild-Dingens, was als Logo zumindest einige Zeit dienen kann. Vielen Kunden hat´s genügt, es dauerte, bis der vermeintliche Schwindel aufflog. 

Die Einsatzmöglichkeiten, um Kommunikationsinhalte mit A.I. zu erstellen, sind dabei noch nicht annähernd beschrieben. (>>> Wait for more)

  • Soziale Medien Feeds: Die Generierung der Einstiegsseiten mit Inhalten ist nichts anderes als eine A.I., welche Inhalte nach den von ihr als deinen Interessensprofilen berechnet anbietet. Mit jedem Aufruf, jedem Like, jedem Comment machst du die A.I. genauer, schlauer und sie kann dir vermeintlich bessere Beiträge anbieten.
  • Formatiertes Radio und anderes Entertainment: Radio ist Maschine. In den 90ern begann dies bereits mit der Zuordnung von Musik nach Kategorien und Stichworten, dem Erstellen von Profilen nach Tageszeiten und Usergruppen und führte letztlich zur Verlangweilung des Mediums. Spotify ist nur der nächste logische Schritt auf diesem Weg. Uns ebenso sieht´s bei TV, Movie, Social Content aus, quasi allem, was an Inhalten  rein auf Basis von Daten und Analysen produziert wird. Wer braucht da noch Kreative, wenn die Maschine das viel zielgenauer gestalten kann?
  • Comics und Bücher: Gibt deine Begriffe in der richtigen Abfolge ein und A.I. baut dir nicht nur einzelne Bilder sondern gleich ganze Bücher, mit und ohne Bilder. Das klingt so einfach.
Comics aus A.I.
  • "Kunst", jüngst passiert: Ein User liess eine A.I. über die Bilder des gerade verstorbenen Künstlers Kim Jung Gi crawlen. Er meinte, er könne so neue Bilder "im Stile" des Künstlers erschaffen und gab, er würde so dessen Erbe für die Nachwelt erhalten. Spätestens hier, beginnt es vielen User:innen zynisch zu werden. Oder lächerlich, je nachdem, welche Position sie einnehmen mochten.
Der Klau des dem Werk immanenten Stiles, der unverwechselbaren Art

Probleme, Ängste und Sorgen rund um A.I.

Es gehen viele Probleme und Diskussionen damit einher. Denn mit A.I. können, in der Theorie, alle und jede:r Bilder erschaffen, gestalten als Illustrator:in, Gestalter:in tätig sein.  Bei vielen erzeugt dies die Angst, austauschbar zu sein. Denn wozu soll man noch Gestalter:innen beschäftigen, wenn die A.I. doch alles viel schneller, billiger, genauer schaffen kann? Sandra Süß fasst die Vorwürfe gegen die Technologie im oben erwähnten Artikel gut zusammen.

  • Datenmissbrauch: Praktisch alles, was irgendwo von irgendwem mal irgendwann publiziert wird, wird von den A.I.-Crawlern genutzt und verwertet. Das ist bei Bildmaschinen nicht anders als auch bei anderen Suchmaschinen.
  • Künstler und ihre Arbeiten, Bilder, werden ungefragt als Quelle genutzt und dabei in hohem Maß geschädigt.

Beiden Argumenten lässt sich nicht viel entgegnen, das ist einfach faktisch so. Jede:r, der/die etwas im Internet publiziert, muss sich seit jeher darüber im Klaren sein, dass irgendjemand anderesa damit machen kann, was er/sie/es möchte. In Europa versuchen wir dem mit juristischen Mitteln wie z.B. dem Urheberrecht oder dem Datenschutz entgegenzutreten. Aber dies ist ein langer und beschwerlicher Weg. 

  • Viele bisher von Künstlern, Kreativen, Handwerkern oder anderen Gestaltern geleisteten Arbeiten können durch K.I.-Ergebnisse ersetzt werden. So können viele Aufträge und Arbeitsmöglichkeiten wegfallen in einem ohnehin schon großer Konkurrenz geprägten Markt mit Bezahlungen auf einem oft recht niedrigen Niveau. 
  • Fake-Bilder, Fake-News, Fake-Fakten mittels A.I.: Kein neuer Vorwurf gegenüber Bilderschaffer:innen und Medien. Sie würden mit Bildern Zusammenhänge falsch darstellen und letztlich lügen. Mit A.I. wäre dies noch einfacher und es betrifft eigentlich alle: Das Bild von jedem kann geklaut, verfremdet und eingesetzt werden in allen möglichen und unmöglichen Szenarien. Es wird immer schwieriger, Wahres von Falschem zu unterscheiden, das muss man erst lernen und auch das ist nicht einfach.
  • Abwertung von "Kunst", denn "im Stile von ..." ist nicht das gleiche, wie das Werk original von der Person. Nur: was ist "Kunst"? Ist sie an ein bestimmtes Material, einen Werkstoff oder Prozess gebunden? 
Detailmania in A.I. - does it hurt, bore or fascinate?

A.I. als Werkzeug - wie es der Künstler Steff Murschetz macht

Und genau hier gehen andere anders vor, nämlich positiv und proaktiv. Beispielhaft ist unbedingt der Künstler und Kollege Steff Murschetz zu nennen, im deutschen Sprachraum derzeit in 2023 der Innovator, Vorreiter und Pionier in Sachen A.I. Er plädiert für einen offenen und freien Umgang mit A.I.: "... Ist der Rat sich von AI fernzuhalten für Illustratoren wirklich so gut? Bringt es nicht Vorteile, die neue Technik zu beherrschen und nutzen zu können? Vertut man damit nicht die Chance, diese Kunst zu formen und durch Einbringen der zeichnerischen, erzählerischen Talente sowie Erfahrung in der Bildbearbeitung, sich von den massenhaft von Amateuren generierten Bildern abzuheben? ..."

Auf seinem Facebook-Profil zeigt Steff anschaulich, wie er A.I. als Werkzeug im Kreationsprozess nutzt, um Situationen, Geschichten in seinem eigenen persönlichen Stil zu erzählen und entwickeln zu können. Dazu muss man wissen, dass er selbst als hervorragender und profilierter Künstler mit großem handwerklichen Können und stilistischem Umfang unterwegs ist. Er "füttert" die A.I. mit seinen eigenen Arbeiten, um daraus Neues in seiner eigenen Art zu gestalten. Und um so seinen Arbeitsprozess mit diesem neuen Tool immer weiter zu verbessern und letztlich so weit als möglich beherrschen zu können. https://www.facebook.com/steff.murschetz 

Steff Murschetz zeigt, wie es geht: A.I. als Werkzeug mit vielen Möglichkeiten.

Der Zwischenstand: Gute Kreation schafft Unterschiede

Diese neue Spielart der A.I.-Technologie steht noch sehr am Anfang. Es wird kontrovers und heißblütig gestritten. Kein Wunder, es geht ja auch um viel, oft um die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz. Aber: ...

  • A.I. kann viel produzieren und dabei auch viel Schrott. Man sieht es an den meist unendlichen Bilderfolgen in großer Variation: Sie werden schnell langweilig, wiederholen sich, bleiben platt und die Faszinationdurch sie legt sich in den langen Folgen bald. Es kommt dann schnell nichts Neues mehr, es ist das immer Gleiche, nur eben ein klein wenig anders. 
  • Durchschnitt reicht oft - das ist bei A.I. nicht anders als im richtigen Leben und die Geschichten vieler anderer Medien und Formate zeigen es. Beispiel Formatradio: Natürlich ist es langweilig, ebenso wie es Nachmittagsprogramme im TV sind und viele andere Entertainment-Formate. Aber das reicht in vielen Fällen. Und irgendwann haben sie dann ausgedient. Denn oft ist deren Publikum leider nicht anspruchsvoller, jede:r bekommt da das, was er/sie/es verdient. 
  • Manchmal wollen Kunden von Gestalter:innen auch einfach nur "Durchschnitt"? Das würde wahrscheinlich niemand so zugeben. Aber bis ein Entwurf von der ersten Idee durch ´zig Entscheidungsprozesse schließlich zur Freigabe gelangt, sind oft Kanten und Besonderheiten weggeschliffen (natürlich ist das bei uns nie der Fall). Denn Kompromisse lassen Ergebnisse oft kompatibler erscheinen. Die gute Info: Solche Arbeiten verschwinden auch schnell, bleiben wenig im Gedächtnis hängen. Gute Kreation schafft Unterschiede.
  • A.I. kann noch nicht immer alles, z.B. Finger an Händen richtig zählen oder darstellen. Da gibt es lustige Beispiele - ein Startproblem.
  • Der Anspruch an Gestalter:innen steigt und zwar enorm:Reicht es wirklich aus, was ich da produziere? Was macht meine Arbeit individuell, originell, anders und hoffentlich besser? Oder produziert man selbst oft doch nicht das große outstanding Werk, von dem man einst träumte? 

Möchtest du mehr dieser Beispiele sehen? Go to Midjourney Official Gruppe on Facebook

A.I. for the free & easy ride on the highway to whatever - achte bitte auf die Finger

The way to move it

Der Ansatz des Steff Murschetz und vieler anderer internationaler Künstler ist dem gegenüber komplett anders aufgestellt. 

  • A.I. kann ein eigenes Werkzeug sein. Es steht noch sehr am Anfang, muss erprobt und weiterentwickelt werden. Aber es kann, richtig beherrscht, sehr viele Möglichkeiten bieten. 
  • A.I. kann z.B. in kreativen Findungs- und Entwurfsphasen einfach und schnell Ansätze erproben. Das kann Zeit und Mühe sparen und auch auf neue Lösungen bringen. A
  • A.I. kann Produktionen so kostengünster ermöglichen, z.B. indem längere Folgen zusammengefügt und animiert , Details und Hintergründe gebaut werden und vieles mehr.
  • Die rechtlichen Themen rund um den Urheberschutz und das Recht am eigenen Bild müssen angegangen und gelöst werden. Reicht die bisherigen Mittel des Schutzes aus, um Generierungen "im Stile von" oder Bilder mit meinem oder einem mir ähnlichen Bild zu verhindern oder nur dann zu ermöglichen, wenn ich dem zugestimmt habe? Dies ist ein dringendes Thema.
  • Der individuelle Umgang mit den eigenen Bildern muss verbessert und gelernt werden. Wie kann ich mich vor ungehindertem Crawling meiner Inhalte schützen? Muss ich alles von mir frei und unbeschränkt online stellen und alle Bilder, alle Infos damit der A.I. präsentieren?
  • Wie werde ich selbst als Künstler:in und Gestalter:in besser? Origineller, individueller, überraschender? Wie überzeuge ich meine Kunden und mein Publikum von mir und meinen Arbeiten? Wie verhindere ich, dass meine Arbeiten austauschbar werden? Kann mir A.I. dabei helfen oder was hindert mich? Steff Murschetz macht´s vor. 

In jedem Fall, und da gehe ich mit Steff Murschetz: Neue Technologien zu verteufeln und sich rein auf die negativen Aspekte zu konzentrieren, hat noch nie geholfen. A.I. muss analysiert, gelernt und beherrscht werden, der Umgang mit ihr muss gekonnt sein. Es müssen Regeln definiert werden, wie es genutzt werden kann, und wie Diebstahl und Missbrauch verhindert werden können. Möglichkeiten zum Lernen gibt es bereits. Man muss ran und kann so A.I. als Chance angehen. 

The way we were in the 8oties - long live the Klischee!

Gute Gestaltung

Qualität in der Gestaltung, Kompetenz und Können zeigen sich in den besonderen Details und nicht in Hyperrealismus und bloss das immer Selbe und Gleichen aneinanderzureihen. Nicht die Menge an Details ist wichtig, sondern genau die richtigen zu setzen. Weniger ist meist mehr. Richtig weglassen will gelernt sein. 

Hilfe zur Gegenwehr

Mit der Plattform "Have I Been Trained" kannst du gegenprüfen, ob z.B. dein eigenes Bildmaterial in der Datenbank Laion-5B gelandet ist, mit welcher z.B. die KI von Stable Diffusion trainiert wird.
https://haveibeentrained.com/

Julia Wutschke

Julia Wutschke unter pole-position(at)drive.eu

Stephan Probst

Habt ihr Fragen?

Stephan Probst unter pole-position(at)drive.eu - frohe Botschaften für alle. Stephan ist DRIVE und seine Begeisterung reißt alle in der Agentur mit.